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Anne Weber
Frei erfunden

Fiction bedeutet nicht « Literatur », so wenig wie Non-Fiction « keine Literatur », denn für die Frage, ob etwas Literatur ist oder nicht, ist es völlig belanglos, ob das Erzählte nun erfunden ist oder nicht.
Fiction oder Non-Fiction, Roman oder Sachbuch: Wenn jemand etwas erzählt, scheinen Menschen zu glauben, es sei entweder so passiert oder erfunden. Doch etwas erfinden, womöglich noch « frei erfinden », wie soll das gehen? Müsste man dafür nicht gerade erst auf die Welt gekommen sein oder aber das Gedächtnis verloren haben, müsste man nicht jemand werden, dessen Fantasie sich auf nichts stützen kann? Würde aber ohne Erlebtes, Gelesenes, Gesehenes, Gehörtes die Einbildungskraft überhaupt etwas hervorbringen können? Was soll ein Maler malen, der von Geburt an blind ist? Ist nicht alle Erfindung eine Verwandlung von Erfahrenem, Gelesenem, Gehörtem etc.?
Wer einen Roman schreibt, kann schwerlich ohne Elemente von Wirklichkeit auskommen; umgekehrt vermag auch der trockenste Sachbuchautor nicht ganz auf seine Fantasie zu verzichten. Wer über Menschen und Verhältnisse der Vergangenheit berichtet und dabei nicht nur Daten aneinanderreiht, sondern ins Erzählen kommt, rutscht ab in die Vorstellung. Biografen zum Beispiel. Unter dem Mantel der Objektivität erzählen sie, was sie über ein fremdes Leben herausgefunden haben, und wir nehmen ihnen dann ihre Version der Dinge ab; eine Lebensgeschichte, die sie sich anhand von Anhaltspunkten zusammengereimt haben. Am deutlichsten ist mir das geworden, als ich einmal einen Blick in eine Biografie eines Schriftstellers warf, den ich gut kannte: Sofort sprangen mir Irrtümer und Fehlschlüsse ins Auge. Fremde Leben sind uns zu großen Teilen unzugänglich, ja, sogar das eigene gerät schnell außer Reichweite, weshalb eine Biografie immer nur eine Annäherung sein kann. Das ist auch völlig in Ordnung so, solange sie uns diese Annäherung nicht als Wahrheit verkauft.
Wenn es weder reine Erfindung noch reine Faktenprosa geben kann, was soll dann die ewige Unterscheidung zwischen Fiction und Non-Fiction, die für viele mit den Kategorien Literatur und Sachbuch übereinstimmt? Fiction bedeutet nicht « Literatur », so wenig wie Non-Fiction « keine Literatur », denn für die Frage, ob etwas Literatur ist oder nicht, ist es völlig belanglos, ob das Erzählte nun erfunden ist oder nicht. Die bescheuertsten Stories werden tagtäglich ausgedacht und füllen die Regale der Großbuchhandlungen, ohne dass sie (von mir) deshalb als Literatur betrachtet würden. Zugleich verwandeln von jeher Romane Erlebtes in Literatur: von Gottfried Kellers Grünem Heinrich bis Prousts Suche nach der Verlorenen Zeit, von Thomas Wolfe’s Schau heimwärts, Engel bis Georgi Gospodinovs Der Gärtner und der Tod. Nicht ob etwas Selbsterlebtes erzählt wird, ist entscheidend, sondern wie es erzählt wird, welche Gestalt die Erzählung annimmt. Wenn ein Buch über den Tod des Vaters, wie Gospodinovs, mit den Sätzen beginnt: « Mein Vater war Gärtner. Jetzt ist er ein Garten», dann ist das zwar nicht erfunden, aber trotzdem Literatur. « Jede Geschichte, die einmal durch die Sprache gegangen ist, sich in Worte gekleidet hat, gehört uns nicht mehr, selbst wenn wir sie persönlich erlebt haben. Sie ist bereits genauso Teil der Wirklichkeit wie der Fiktion. » Diese Sätze hat Gospodinov seinem nach dem Tod seines Vaters geschriebenen Roman vorangestellt.
Hinzuzufügen wäre: « Jedes Ich, das einmal durch die Sprache gegangen ist, sich in Worte gekleidet hat, gehört nicht mehr der Person, die es schrieb, selbst wenn sie es selbst ist. Es ist zu gleichen Anteilen Wirklichkeit und Fiktion. » Denn wer in den Kategorien Fiction und Non-Fiction denkt, ist womöglich auch bereit, blindlings den Einordnungen der Personalpronomen zu glauben — und es zum Beispiel romanhafter und weniger ichbezogen zu finden, wenn jemand in der dritten Person schreibt. Dabei ist die Person des Schreibenden nicht weniger präsent in einem Buch, in dem sie nicht als « Ich » vorkommt. Denn alles, aber auch wirklich alles in einem Buch, auch in einem Roman, gibt Auskunft über seinen Verfasser, seine Verfasserin. Jede Wendung, jeder Gedanke, jede Perspektive, alle Umwege, die eine Erzählung nimmt: Rein alles Geschriebene ist auf dem Mist eines Ichs gewachsen. Man mag es vornehmer oder vorsichtiger finden, sich hinter den Vorhang der dritten Personen zurückzuziehen, doch sollte uns wenigstens klar sein, dass sich die Marionetten vor dem Vorhang nicht von selbst bewegen.
Foto von Anne Weber: Bruno Boudjelal