Weltliteratur im Ghetto 2025

Wie geht es weiter?

Marcel Beyer, Anja Utler, Ozan Zakariya

Keskinkılıç und Ceren Bozkurt in der Alten Kirche

Die erste Festival-Ausgabe im Jahr 2023 hatten wir mit allen Lücken, Fehlern, aber auch mit wunderbaren Erinnerungen hinter uns. Die Verantwortung als Festivalleiter war schon ein wenig aufwendiger als die des Kurators, auch das musste gelernt werden. Egal ob es ein Buch, ein Auftritt oder eine Organisation war, beim ersten Mal geht man mit naiven Gedanken an die Sache ran. Diese Leichtigkeit bröckelte spätestens vor dem nächsten Mal zusammen. 

Julia Grinberg und Lina Atfah im ELIF-Garten

Im Herbst 2024 war ich mir noch nicht sicher, ob ich die zweite Ausgabe schaffen würde; die Lesereise ging weiter, dieses Mal mehr im Ausland. Die Deutsche Bahn änderte öfter ihren Fahrplan; von Nettetal nach Berlin musste man zuerst nach Usbekistan.

Maryam Aras und Usama Al Schahmani

in der Buchhandlung Matussek

Meine Neffen und Nichten, die Schülerinnen und Schüler von den Schulen, und die Menschen in Nettetal, denen ich in der Fußgängerzone begegnete, fragten immer öfter, wann es wieder ein Festival geben würde. Besonders die Nachfrage junger Menschen motivierte mich, die zweite Runde zu pflastern. In der Kunststiftung NRW saß jetzt an Stelle von Dagmar Fretter ihr Nachfolger Jan Valk in der Literaturabteilung. Ein Austausch und eine klare Kommunikation mit den Förderern vor jedem Projekt sind mir immer wichtig gewesen. Ich kann es auch allen raten: Manchmal kommt man selbst nicht auf die besten Ideen; ein objektiver Blick von außen kann sehr nützlich sein. Auch Jan Valk war überzeugt. Die ganze Geschichte fing wieder von vorne an: Welche Autorinnen und Autoren, welche Lokale, Kartenvorverkauf etc. Dieses Mal hatte ich 2000 € mehr und habe das Hotel am See für die Autorinnen und Autoren gebucht, Frühstück inbegriffen; allein diese Kleinigkeit half uns dabei, viel Zeit und Aufwand zu sparen. Mit dem gleichen Team – Buchhandlung Matussek, NetteAgentur, Stadt Nettetal und der eigenen Bagage – machten wir uns an die Arbeit. Der Kartenvorverkauf begann mitten im Sommer. Bis zur letzten Woche war der Vorverkauf schleppend; ich dachte, wir würden diese Karre gegen die Wand fahren.

Jagoda Marinić in der Städtischen Gesamtschule Nettetal

Am 5. September 2025 war die Eröffnung in der Alten Kirche. Es war beruhigend zu sehen, dass die Veranstaltung restlos ausverkauft war. Viele der Bürgerinnen und Bürger in Nettetal waren erst vor ein paar Tagen aus dem Urlaub zurückgekommen und hatten ihre Karten erst kurz vor dem Auftakt buchen können. Wieder kamen Gäste aus Köln, Berlin, Hamburg usw. Ich bat Marcel Beyer, die Eröffnungsrede zu halten, mit einem Text, den er speziell für unser Festival geschrieben hatte. Am selben Abend wurde das Debüt “Hundesohn“ von Ozan Zakariya Keskinkılıç vorgestellt, das später zu den besten Debüts des Jahres 2025 zählte. Anja Butler begeisterte mit ihrem Gedichtzyklus insbesondere die jungen Gäste. 

Die Weltliteratur-Festival Bagage

Für die musikalische Begleitung sorgte die Duisburger Musikerin Ceren Bozkurt. Am zweiten Festivaltag fand die erste Veranstaltung in der Pommessbude Tekin in der Fußgängerzone statt. Riccarda Messner und Rasha Khayat stellten ihre Romane vor und führten eine Diskussion über die gegenwärtige Literatur. Am Abend wechselten alle Gäste in die Buchhandlung Matussek. Dort sprachen Maryam Aras und Usama Al Shahmani über Einwanderung, Migration, Weltpolitik und weitere Themen, die ihre Essays prägen. Am dritten Tag begann das Programm um 15 Uhr im ELIF-Garten. Über 130 Gäste füllten den Garten. Julia Grinberg und Lina Atfah trugen ausgewählte Gedichte aus ihren aktuellen Lyrikbänden vor. Auch das Gespräch über Zuversicht und die Bedeutung von Lyrik in schwierigen Zeiten kam bei den Gästen sehr gut an. Am selben Tag ging es in der Stadtbibliothek Nettetal mit Anne Weber weiter. Anne Weber, die für ihr Buch “Annette, ein Heldinnenepos“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, sprach über Erfolg und Misserfolg in der Literaturbranche. Zum Schluss las sie aus ihrem aktuellen Buch “Bannmeilen“, dessen Themen insbesondere das junge Publikum rissen. Sie schlug eine Brücke zwischen Identität und Fremdsein sowie zwischen Deutschland und Paris. Die vorletzte Veranstaltung fand am 8. September 2025 im ProjektRaumKunst Busch8 e. V. statt. Senthuran Varatharajah und Charlotte Gneuß brachten neben ihren literarischen Werken auch ein intensives Gespräch nach Nettetal. Eine Kindheit in der DDR, die Flucht aus Indien und die Frage, wie solche Lebensabschnitte die Sprache beeinflussen, wurden den Gästen eindrucksvoll nähergebracht.

Rasha Khayat und Ricarda Messner in der Pommesbude Tekin

Natürlich sollte auch in der zweiten Ausgabe eine Veranstaltung speziell nur für junge Gäste angeboten werden. Die Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Nettetal und des Gymnasiums Nettetal kamen in der Aula der Städtischen Gesamtschule Nettetal zusammen. Die beste Jagoda Marinić kam aus Heidelberg; sie griff zahlreiche Themen auf, die besonders für junge Menschen von Bedeutung sind. Bildung und das Zusammenleben in der Gesellschaft bildeten das Gerüst des Gesprächs mit mir. Die Fragen der Schülerinnen und Schüler beantwortete Jagoda offen und ausführlich.

Senthuran Varatharajah und Charlotte Gneuß

im ProjektRaumKunst Busch8 e.V.

Sechs Monate vor dem zweiten Festival hatte ich folgende Sätze für die Broschüre formuliert:

Nach zwei Jahren darf ich euch die neue Ausgabe des Festivals Weltliteratur im Ghetto vorstellen. Wir sehen und hören, die Welt liegt gerade wieder im Fieberwahn. Die Nachrichten haben selten etwas Gutes zu vermitteln. Dabei erinnere ich mich häufig an den Satz meiner Oma: Der Welt ging es nie besser. Leben und leben lassen, das ist unsere Aufgabe. Ihren Satz habe ich mir als Vorsatz in die Brusttasche gesteckt; zuerst habe ich bei mir im Inneren aufgeräumt, dann dieses Programm zusammengestellt. In der Hoffnung, mit Euch allen eine schöne Zeit verbringen zu können.

Ohne die Zusagen meiner Autorinnen und Autoren wäre so ein Festival nicht möglich. Alle haben mich mit ihrer Zusage geehrt. Die Idee war dieses Mal, die unterschiedlichsten Stimmen zusammenzubringen, Stimmen, die alle in ihrer ganz eigenen Art einzigartig sind und keine von ihnen gleicht der anderen. So wie ich mir Deutschland, wie ich mir die Welt vorstelle. Ich hoffe, Ihr werdet Euch wieder wohlfühlen und, wie bei der ersten Ausgabe, alle Räume bis zum letzten Platz füllen. Durch Teilen vermehrt sich das Leben.

Mein Dank gilt allen Förderern und allen Menschen, die mit uns die Stühle getragen, die Technik aufgestellt, den Börek gebacken, den Tee gekocht haben. Jedes kleinste Mitwirken ist Gold wert, wallah :) So, ich mache weiter; wir werden uns im Herbst sehen. Bis dahin küsse ich Eure Augen.

Anne Weber in der Stadtbücherei Nettetal

Weltliteratur im Ghetto in der FAZ

Die Kulturredaktion der FAZ hat Jakob Ballhausen nach Nettetal geschickt. Er hat das Festival vier Tage lang begleitet. Drei Tage später bekam ich die Mail von ihm mit dem Link zu seinem Festival-Atzikel: Zum zweiten Mal bringt Dincer Gücyeter verschiedenste Autoren in Nettetal zusammen. Sämtliche Lesungen begleitet die Frage, was Literatur kann und darf in Zeiten von Krieg und Gewalt. ,,Alles", sagt der Autor von „Unser Deutschlandmärchen". Von seiner Offenheit fässt sich noch viel lernen. Jakob Ballhausen


Und jetzt haben wir August 2026. Ich habe nur noch zwei Monate Zeit, um bei der Kunststiftung NRW einen Antrag für die dritte Ausgabe zu stellen. Die Menschen auf der Fußgängerzone fragen mich, wann es wieder soweit ist. Ich überlege noch …

Dinçer

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