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Weltliteratur im Ghetto 2023
Eine neue ELIF-Geschichte
Die Welt nach Nettetal holen
Saša Stanišic in der Alten Kirche - Lobberich
Keine andere Frage wurde mir in den letzten fünf Jahren so oft gestellt wie diese: Was war der Grund, in Nettetal zu bleiben? Kamen sie nie auf den Gedanken, nach Berlin, Köln oder in eine andere Großstadt zu ziehen, wo die Literatur größer auf den Litfaßsäulen hängt, Beziehungen schneller zu knüpfen sind? Ich bin in Nettetal geblieben und habe diese Entscheidung bis jetzt nie bereut.
Anna Bleier und Swantje Lichtenstein
in der Buchhhandlung Matussek
Zwischen 2017 und 2023 habe ich mit den wunderbaren Kolleginnen und Kollegen des Literaturhauses Köln das Lyrikfestival-Satelliten kuratiert. Welchen Einsatz so ein Festival erfordert, habe ich in den sechs Jahren erfahren. 2021 kam mir die Idee, eine literarische Veranstaltung gleicher Größe in meiner Provinz Nettetal zu organisieren. So formulierte ich damals im Jahr 2023 meine Gedanken für die erste Festival-Broschüre:
Das Leben in der Peripherie, hier in Nettetal-Lobberich, bedeutete für mich Familie, Geborgenheit. Ich wusste, nirgendwo anders wird die Tarhana-Suppe würziger gekocht, der Börek knuspriger gebacken. Doch wie wohl an jedem anderen Geburtsort der Welt kam mir auch hier bald der Verdacht, dass es draußen ein anderes Leben gibt. Schon mit 15 Jahren reiste ich in andere Städte und Länder. Dieses unbändige Fernweh machte mir zunächst ein schlechtes Gewissen, doch die Freude der Rebellion und die Neugier blieben unbesiegbar.
Ich suchte nach neuen Stimmen, Farben, Formen. Die Sprache auf meiner Zunge wollte neue Freundschaften/Verwandtschaften erleben; danach strebte ich. Heute, nach 30 Jahren, bin ich sehr froh, in Nettetal die Idee “Weltliteratur im Ghetto“ verwirklichen zu können. Auf dieser langen Reise bin ich Autorinnen und Autoren begegnet, die mir ihre Türen geöffnet und mich und meine Welt mit ihren Werken bereichert haben. Ich dachte: Jetzt bist du dran, jetzt musst du etwas zurückgeben.
Martina Hefter, Behzad Karim Khani und Ralph Tharayil
in der Pop-Up Scheune
Mit einem drehenden Karussell im Kopf klopfte ich 2021 bei Dagmar Fretter, Kunststiftung NRW an die Tür, erklärte ihr die Idee. Sie wollte mir eine Chance geben. Daraufhin reichte ich die Bewerbung bei der Stiftung ein. Vor der offiziellen Zusage traf ich mich bereits mit Bettina Fischer vom Literaturhaus Köln und dem Mit-Kurator Christoph Danne, um ihnen mitzuteilen, dass ich als Kurator im Satelliten-Festival nicht mehr mitwirken, die Kraft und die Zeit in das eigene Festival-Konzept investieren würde. Nach drei Monaten bekam ich den Bescheid von der Stiftung: Sie wolle Weltliteratur im Ghetto mit 10.000 € fördern. Die erste Ausgabe sollte 2022 über die Bühne gehen. Einige Wochen später kam die Nachricht aus Baden-Baden: Mein Gedichtband “Mein Prinz, ich bin das Ghetto” wurde mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet. Das Interesse der Presse war außergewöhnlich. Ein kleiner Verleger, der seinen Brotjob als Gabelstaplerfahrer ausführt und nebenbei Gedichte schreibt, hatte unerwartet einen der wichtigsten Preise der deutschsprachigen Literatur erhalten. Dazu sollte im November 2022 auch der Roman “Unser Deutschlandmärchen” erscheinen. Auf meine Bitte, das Festival um ein Jahr zu verschieben, reagierte Dagmar Fretter sehr verständnisvoll. Nun hatte ich noch ein Jahr Zeit, um das Festival in Ruhe zu organisieren.
Kaska Bryla und John Sauter
in der Pommesbude Tekin
Unser Deutschlandmärchen erschien im November 2022, im April 2023 folgte dafür der Leipziger Buchpreis – alles wurde noch verrückter. Doch das Festival nochmals um ein Jahr zu verschieben, kam nicht in Frage. Die ganze Planung musste auf der Lesereise gemacht werden. Die Liste der Autorinnen und Autoren war die erste und schwierigste Arbeit. Die gleiche Frage, die sich bei der Zusammenstellung eines Verlagsprogramms stellte, tauchte erneut auf: Wie schafft man eine gute literarische Mischung? Lyrik und Essay sollten das gleiche Gewicht wie der Roman haben. Nicht nur aktuelle Namen, sondern auch Kolleginnen und Kollegen, die mich geprägt haben, die aber in der Zeit ein wenig versteckt waren, sollten dabei sein. Parallel rief ich die Lokalbetreiber in Nettetal an und fragte, ob sie Räume zur Verfügung stellen könnten. Nach allen Zusagen begann die Arbeitsteilung in der Familie. Die Kinder waren für den Büchertisch verantwortlich, die Cousins für Tische und Stühle, Ayşe (meine Frau) und ihre Clique für Catering. Mein Freund Wolfgang Schiffer hat mit mir die Werbetexte geschrieben, Ihsan San das Plakat gestaltet; das Kulturbüro NetteAgentur in Nettetal stellte kostenlos die Technik und zwei großartige Techniker zur Verfügung, die fünf Tage mit uns verbringen sollten. In letzter Minute kam eine zusätzliche Förderung in Höhe von 2.000 € vom Kulturamt Nettetal. Doch genug war es immer noch nicht; deshalb war die Unterstützung der Familie und Freundinnen und Freunde unverzichtbar. Für die Moderation der Veranstaltungen einzuladen, hatte ich mir längst abgeschminkt – ich musste es selbst übernehmen.
Schaufenster in Nettetal
Im Juni 2023 ging die Pressemittelung raus, die Karten konnten hier auf der ELIF-Webseite und in der Nettetaler Buchhandlung Matussek gekauft werden.
Am 16. August 2023 kamen die ersten Autorinnen und Autoren angereist. Die Eröffnung war in der Pommessbude Tekin auf der Fußgängerzone geplant. Fabian Matussek von der Buchhandlung zeigte mir kurz vor der Eröffnung die Liste mit verkauften Karten. Insgesamt hatten wir mehr Karten verkauft als Sitzplätze vorhanden waren. Das war noch kein Grund zur Panik; wir würden schon noch ein paar Stühle finden, beruhigte ich mich. In diesem Moment wusste ich noch nicht, dass das wildere Ereignis hinter der Ecke auf uns wartete: Gäste, die an der Abendkasse Karten kaufen wollten.
Uljana Wolf und Odile Kennel im ELIF-Garten
Alle Neffen und Nichten halfen vor jeder Veranstaltung, Stühle zu sammeln, damit niemand stehen musste. Nicht nur aus dem Umfeld kamen Besucherinnen und Besucher; auch aus Berlin, Hamburg, Köln usw. kamen Menschen. Freunde und Familie baten mich, auf Fensterbänke zu sitzen oder zu stehen. Mit diesem Chaos begann der Auftakt in der Pommessbude Tekin, John Sauter und Kaśka Bryla. Am selben Abend ging es weiter mit Martina Hefter, Ralph Tharayil und Behzad Karim Khani in der Pop-Up-Scheune auf der Fußgängerzone. Am nächsten Morgen traten Swantje Lichtenstein und Ulrike Anna Bleier in der Buchhandlung Matussek auf. Während die beiden ihre Bücher signierten, lief ich mit meiner Begleitung nach Hause. Uljana Wolf und Odile Kennel standen mit ihrer Lyrik auf dem Abendprogramm – und das auch in unserem Garten, wo auch das ELIF-Kabuff steht.
Börek, Baklava und Tee im ELIF-Garten
Ömerhan Celik hatte sich als DJ bereit erklärt und legte vor der Lesung Anatolia-Rockmusik auf. Das Zusammensein ging bis in die Nacht. Uwe-Michael Gutzschhahn kam aus München und übernahm das Programm für Kinder und Jugendliche in der katholischen Grundschule. Mit seinen Reimen und Versen beglückte er die Kinder. Die vorletzte Veranstaltung mit Saša Stanišic fand in der Alten Kirche statt; mehr als 30 Menschen mussten im Stehen dem Abend folgen, auch hier beschwerte sich niemand. Nachdem ich Saša am nächsten Tag zurück nach Hamburg geschickt hatte, begann ich wieder mit der eigenen Lesereise. Bis Mitte November fuhr ich von einer Stadt in die nächste. Mitte November kam Ragnar Helgi Ólafsson aus Island angeflogen; sein Übersetzer Wolfgang Schiffer kam aus Köln. Mit beiden endete die erste Festival-Ausgabe in der Stadtbibliothek Nettetal.
EIn Island-Abend:
Ragnar Helgi Ólafsson und Wolfgang Schiffer
in der Stadtbücherei Nettetal
Wie es danach weiterging, können Sie unter Weltliteratur im Ghetto 2025 lesen.
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