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Uwe-Michael Gutzschhahn
Warum ich Kindergedichte schreibe

Als ich das zweite Gedicht gelesen hatte, strahlte der Junge und klatschte begeistert – als Erster. Die anderen Kinder stimmten mit ein. Die Väter und Mütter trauten sich irgendwann auch. Ich hatte den Jungen für Gedichte gewonnen. Ihm gefiel das Spiel mit der Sprache, das Staunen, was man mit Wörtern Verrücktes zaubern kann.
Warum schreibe ich Gedichte für Kinder? Gedichte? Kinder daddeln. Kinder gamen. Alles andere interessiert sie nicht.
Ich habe diese Behauptung so oft gehört, seit ich mich mit Kinderlyrik beschäftige, dass es mich geradezu traurig macht. Wissen Erwachsene so wenig über ihre Kinder? Neulich sah ich ein kleines Mädchen versonnen am Wasser mit einem kleinen Stück Holz spielen, das für sie ein Segelboot wurde. Kinder brauchen nichts Teures, Blinkendes, um ihre Phantasie und Vorstellungskraft lebendig werden zu lassen.
Einmal kam ein Vater mit seinem etwa neunjährigen Jungen in eine Berliner Buchhandlung, in der ich Gedichte lesen sollte. Sonntagmorgen. In der geöffneten Tür standen Leute. Der Junge blieb stehen und wollte rein. Was denn hier los sei, fragte der Vater. Lesung. Gedichte. Gedichte? Der Mann kam auf mich zu und erklärte, dass sich sein Kind bestimmt langweilen würde. Mit Gedichten hätte er jedenfalls nichts am Hut. Aber der Junge hatte sich schon erwartungsvoll auf einen der Stühle gesetzt, die im Laden aufgereiht standen. Ich antwortete dem Vater: „Warten wir’s ab“ und wunderte mich, wieso Erwachsene Kinder – sogar die eigenen – immer klein machen.
Als ich das zweite Gedicht gelesen hatte, strahlte der Junge und klatschte begeistert – als Erster. Die anderen Kinder stimmten mit ein. Die Väter und Mütter trauten sich irgendwann auch. Ich hatte den Jungen für Gedichte gewonnen. Ihm gefiel das Spiel mit der Sprache, das Staunen, was man mit Wörtern Verrücktes zaubern kann. Er war gebannt und mitten drin, ließ sich durch nichts und niemanden stören. Nach der Lesung nötigte er seinen Vater, mein Buch zu kaufen, und sagte, während ich es für ihn signierte: „Das war toll. Das hat so Spaß gemacht. So was möchte ich auch können. Ich hab bei dir so viel gelacht.“
Warum ich Gedichte für Kinder schreibe? Genau deshalb. Weil es schön ist zu sehen, wieviel Freude Kinder haben, mit Sprache zu spielen, Sprache als Baukasten zu begreifen, mit dem man die verrücktesten Dinge erfinden oder Unscheinbares herausstellen und sichtbar machen kann. Ich spiele ja selber ständig mit Wörtern, schiebe sie hin und her. Es entsteht eine Musik, die Musik setzt sich in Bilder um. Aber die Bilder sind im besten Fall neu, nicht stereotyp, keine Schablonen, sondern anders, ungewohnt. Sie stellen die gewohnte Welt auf dem Kopf. Sie legen Gucklöcher frei.
„Warum schreibst du?“, fragen mich die Kinder, wenn ich in Schulen bin. „Weil es mir Spaß macht, weil ich ausprobieren will, was das Gedicht in mir und in anderen auslöst. Weil ich es liebe, den Klang der Wörter auszuprobieren, aus dem einen Wort heraus das nächste zu finden. Jedes Gedicht eine kleine Abenteuerreise. Das gefällt den Kindern. Und jedes Gedicht wirkt auf sie anders, jedes Gedicht empfinden sie unterschiedlich. Es gibt ja nicht die eine, alleinige Interpretation. Kinder verstehen subjektiv, sind erlebnishungrig, mitten drin im Gedicht. Man kann förmlich spüren, wie sie sich in einer Lyriklesung durch nichts mehr ablenken lassen. Gedichte sind wie ein Bann.
Einmal kam nach einer Lesung ein Junge zu mir. „Weißt du, Michael, das war so schön mit deinen Gedichten. Ich bin noch nicht lange in Deutschland. Ich weiß oft nicht, wie etwas heißt und wie man was sagt. Ich muss jedes Wort lernen, das ist so schwer. Aber bei dir konnte ich mit den Wörtern spielen, das war schön.“
Ich habe diese Geschichte nie vergessen, weil ich immer gehört hatte, dass man bei Migrationskindern mit Sprachspiel keine Chance habe, sie würden den Witz – oder Sinn – nicht verstehen. Inzwischen weiß ich es tausendfach besser. Kinder wollen spielen.
Ich wurde mal in ein Uni-Seminar für angehende Lehrer eingeladen, um über meine Erfahrungen mit Gedichten zu berichten. Irgendwann fragte jemand aus der Gruppe, was man denn mit Kindergedichten im Unterricht anfangen solle. Er war etwas enttäuscht, dass man Kindergedichte nicht interpretieren könne. Meine Antwort kam ganz spontan.
„Lesen Sie jeden Morgen zu Beginn der Deutschstunde, egal was sie in den 45 Minuten sonst vorhaben, ein Gedicht. Lesen Sie es vor und nichts weiter. Lassen sie es im Raum stehen. Und ich garantiere Ihnen, wenn sie das Gedicht am sechsten Tag plötzlich weglassen, wird die ganze Klasse einstimmig fordern: „Wo bleibt unser Gedicht?“
Das Ganze stand später in der FAZ und es kamen daraufhin unzählige Mails mit Erfahrungsberichten. Und immer hieß es: „Es stimmt, es war genau so!“ Eine Lehrerin schrieb sogar, ganz angetan von der Idee: „Ich habe Ihr Prinzip mal auf meine Oberstufenschüler und – schülerinnen angewendet und auch da hat es funktioniert.“ Die alte Angst vor Gedichten, die man interpretieren muss, war gebannt. Ich habe nichts gegen Interpretationen und schon die schönsten Erklärungen meiner Gedichte gelesen. Aber Gedichte sind nicht dazu da, ihnen Aufgaben und Noten an die Beine zu binden, damit sie nach unten ziehen und alle Sprachlust ersäuft. Gedichte brauchen Raum, brauchen Luft zum Atmen. Sie wollen bei sich sein, beim Wort, aus ihm heraus wirken, aus ihrer Eigenwilligkeit heraus, sich auf ungewohnte Weise an andere Wörter zu binden. Hier setzt das Staunen ein, das Sich-Verhaken, Stück für Stück, Zeile für Zeile.
Es gilt, schon den Kindern die Angst vor Gedichten zu nehmen. Ich finde es wunderbar, wenn Kinder Gedichte auswendig können. Einmal hat mir eine Klasse aus dem Berliner Wedding am Ende eines Lyrik-Workshops zum Dank für die schönen eineinhalb Stunden ein Gedicht von Heinz Erhardt aufgesagt. Jedes der Kinder hatte noch ein bisschen davon im Kopf und sie haben es untereinander zusammengestückelt und dann ging es los. Es ist ein ganz schön langes Gedicht zum Auswendiglernen – „Die Made“. So etwas lernt man in der Schule noch heute. Aber das Gedicht und sein Auswendigkönnen hatte plötzlich Gewicht bei den Kindern. Es machte sie stolz – und mich glücklich.
Wer aber Kinder zu ihrem Glück zwingt und noch den letzten Schüler, die letzte Schülerin nötigt, mit Müh und Not coram publico irgendeinen seltsamen Text vor andern herunterzulallen und herunterzustottern, der wird auf solche Weise sicher nie Begeisterung für Lyrik erzeugen. Aber mit Lust nicht ein vorgegebenes Zwangsgedicht, sondern ein selbst gewähltes Lieblingsgedicht hersagen zu können, kann etwas Tolles sein.
Warum schreibe ich Gedichte für Kinder? Die Antwort lautet: Weil ich die Sprache ausloten will, was man mit ihr alles tun und sagen kann. Aber auch, weil Kinder große Ohren haben und neugierig sind. Weil sie Spieler, Gaukler und Abenteurer sind.
Ich glaube fest an die Kraft des Gedichts.